Markt, Geld, Wirtschaft geschichtlich – und die aktuelle Sackgasse. Kurzrezension.

Das ist meiner Meinung nach eines der gescheitesten Bücher der letzten Jahre, und es belegt auch, daß gelernte Anthropologen natürlich den Menschen und seine Konstrukte vom Menschen her denken und verstehen können, wenn sie nur wollen. Und wenn sie das wollen, ergibt sich eine sehr prägnante Perspektive.

David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart 2012.
Das Buch ist eine kultur- und wirtschaftsanthropologische Analyse des wirtschaftlichen Austausches, des Geldes und der Schulden. In allen Kulturen war am Anfang die „humane Ökonomie“ – eine sozial basierte Austauschbeziehung (kommunistisch, hierarchisch, Tausch) – die später, und erst mit der Logik des Kriegs und des Militärs, Geld (Münzen) als eine weitere und für die Machthaber komfortablere Tauschrelation entwickelt hat. Münzgeld diente der Kriegsführung (Militär) und der Sklaverei.
Mit dem europäisch sehr kaputten Ende der Zeit, die wir als Mittelalter bezeichnen, und der Entwicklung der (nebenregierenden) europäischen Handelshäuser, entstand die kulturelle Gier, nicht mehr nur Waren gegen Waren zu tauschen, sondern aus Geld mehr Geld zu machen. Genau hier entwickelte sich die „kommerzielle Ökonomie“ und das Schuldensystem der Nationalstaaten. Also der Kapitalismus, dem alle Ökonomen – egal ob links oder rechts – gerade einmal zwei, drei oder vier Generationen an Lebensfähigkeit zugestanden haben.
Mittlerweile hat sich dieses Raubtier „Kapitalismus“ verselbstständigt, und niemand weiß, wie die Geschichte sich fortsetzen wird. Wir sind ziemlich nah an einer Wende, soviel läßt sich absehen.

Der Autor kennt sich gut aus, ist sehr belesen und wohl auch genügend kritisch, um mit den Veränderungen der menschengemachten Kultur verständlich und vorallem: für den Leser nachvollziehbar umgehen zu können.
Statt einem simplen Anthropologismus zu folgen, versteht er sich mit der sich aufdifferenzierten Kultur sehr gut und er verklammert anschaulich die afrikanischen, asiatischen und europäischen Entwicklungen von Wirtschaft. Nicht streng konzis, sondern fast enzyklopädisch schon, breiter, immer die Welt, das Ganze, hier: Sumer, die Levante, Afrika, Indien, China und Europa im Blick.
Unbedingt empfehlenswert. Für Alle, aber besonders für Warenlehre-Leute. Gerade für jene, die mit ihrer naturwissenschaftlichen Orientierung sehr selbstgewiß, oder unsicher sind. Eine anthroplogische Versöhnung sozusagen…

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2 Gedanken zu „Markt, Geld, Wirtschaft geschichtlich – und die aktuelle Sackgasse. Kurzrezension.

  1. Ist die Besprechung so gemeint, dass der Leser „nix Handfestes“ präsentiert bekommt? Die „aktuelle Sackgasse“ besteht wohl darin, dass die Geldbereitstellung in Privathand ist und somit an der falschen Stelle!
    MfG

  2. Ja – der Autor meint daß der Finanzkapitalismus an sich am Ende ist. Und auch unsere Ökonomie demgemäß einer Veränderung unterzogen werden sollte.
    Die Analyse ist handfest und sehr lesenswert. Rezepte, wie es weitergehen soll, gibt der Autor allerdings nicht.

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