Vor jeder akademischen Diskussion bedarf es Klarheit in den Paradigmen und Begriffen !

Richard Kiridus-Göller:
Vor jeder akademischen Diskussion bedarf es Klarheit in den Paradigmen
und Begriffen !

1 . Zur Semiologie:
Das Wort ist als sprachlicher Ausdruck Symbol für einen Begriff.

Unter einem Begriff verstehen wir die Bedeutung eines Wortes.
Die nachweisbare Bedeutung eines Zeichens bzw. Wortes, worüber beispielsweise in Lexika und Bedeutungswörterbüchern Auskunft gegeben wird, ist die Denotation.
Subjektive Konnotationen im Alltagsbewusstsein sind hingegen die individuellen Assoziationen.

Der Begriff meint einen Sachverhalt. Mit Definitionen wird die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks angegeben.

Was den Inhalt der Begriffe anbelangt, trägt der Fachwissenschaftler die volle Verantwortung für die jeweils richtige Definition.

Die Denotation wird durch die zugehörige Fachwissenschaft festgelegt.
Unterschiede in Fremddisziplinen beruhen auf paradigmatischen Differenzen,
auf einer anderen Weltsicht der zu beschreibenden Realität.
Solche Begriffsdifferenzen sind objektive Konnotationen.

2. Was ist ‚Ware’?
Das Wort „Ware“ hat eine indogermanische Wurzel. Der ursprüngliche Sinn von „Ware“ bezieht sich zunächst auf das Vieh, das nachhaltig unter Verwahrung genommen wurde. Der Wortstamm „war“ bezieht sich zunächst auf das Rind, sodann auf gehandelte Sklaven („waru“) und verpackte Sachen (lat. vasa), insgesamt Werkzeug im weitesten Sinn. Das Verlangen nach Vieh (vgl. lat. ‚pecus’/‚pecunia’ :Vermögen) ist der etymologische Hintergrund des englischen Wortes „war“ für Krieg.

„Ware“ als die begriffliche Abstraktion dessen, was unter Gewahrsam genommen wird, trifft nicht die ursprüngliche Wortbedeutung, sondern ist ein in der sprachlichen Entwicklung begrifflich nachgeordneter Schritt.

Die konnative Vieldeutigkeit macht die objektive Befassung mit dem Phänomen „Ware“ aufwändig. Zur wissenschaftstheoretische Konsistenz ist die systematische Ordnung der Begriffe unter einem Paradigma daher grundlegend.

(‚Zur Terminologie der Warenkategorien’ siehe A. Kutzelnigg. Frankfurt/Main 1965) –

Subjektive Konnotationen sind assoziative, emotionale Bedeutungen eines Wortes.

Objektive Konnotationen nehmen zwischen Denotation und subjektiver Konnotation eine Zwischenstellung ein. Es handelt sich um Bedeutungen, die von vielen Sprachteilnehmern, von Gruppen, geteilt werden. Dies ist für die Dialogfähigkeit und noch weiter für die Interdisziplinarität von Bedeutung.

Kategorie „Ware“:

Die Ware ist ein Oberbegriff, als allgemeinste Bestimmungsweise oder Seinsbereich – der Gegenstand des Wirtschaftens.

Ganz allgemein sind Kategoriebildungen „horizontale Zusammenfassungen“.
Kategorien sind Klassifikationsbegriffe zur Erstellung von Ober- und Unterbegriffen:

Im sozioökonomischen Interesse wird ‚Ware’ als ‚Gegenstand des Handel’ konnotiert, im finanzwirtschaftlichen Interesse als ‚Gegenbegriff zu Geld’ – beiden voran aber ist im Interesse der Lebenserhaltung und Lebensqualität die Ware ‚Mittel zur Bedürfnisbefriedigung’. (Gesundheit ist nicht alles, doch alles ist nichts ohne Gesundheit …)

Die Denotation ist die begriffliche Grundbedeutung eines Wortes, die formale Beziehung eines sprachlichen Zeichens auf einen Gegenstand oder Sachverhalt (Denotat). Im Unterschied zur subjektiven Konnotation ist die Denotation konstant.

Die warenwissenschaftliche Denotation von Ware ist dreifach –
deren Definition ist folglich:

‚Waren sind Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, die als Gegenstand des Handels in Betracht kommen und insofern zu Geld der Gegenbegriff sind.’

3. Transdisziplinarität
Die ganzheitliche Bedeutung der Kategorie „Ware“ hat als Begriff im Englischen keine Entsprechung. Das Fach ist transdisziplinär angelegt.

Die Begriffe „Ware“, „Gut“ und „Produkt“ sind nicht synonym.
Deren Unterscheidung beruht auf
* der Generalistik der Warenlehre:
die Ware als Oberbegriff gehört zum Gegenstand nachhaltigen Wirtschaftens;
* der Unterscheidung von Ware und (volkswirtschaftlich) Gut
(d.h. zwischen Wirkung: Bedürfnisbefriedigung und Leistungs-Tausch bzw. -Speicherung);
* der Unterscheidung von Ware und (betriebswirtschaftlich) Produkt:
(d.h. zwischen Bedürfnis in biokultureller Kybernetik und Bedarf als Kaufkraft auf Märkten).

Grundlegend ist die physische Bestimmung der Ware:
‚Bedürfnisse sind angeborene, beim Menschen kulturell überformte Antriebe des Handelns zur Lebenserhaltung und Lebensqualität’ (A. Maslow). Die Ist-Soll-Wert-Spannungen (‚Mangel’) zwischen Organismus und Umwelt sind von kybernetischer Art. Gebrauchs- und Tauschwert sind der physiologischen Grundbedeutung der Ware nachgeordnet.

Da die Warenkunde traditionell naturgeschichtlich-naturwissenschaftlich orientiert ist, kommt einer solchen Denotation von „Ware“ Priorität zu. Aus der philosophischen Tradition heraus wurden  Naturalien  und Artefakte  unterschieden. Artefakte gelten als typische Kulturleistungen.

Wir haben die freie Wahl und Verantwortung, uns als Teil dieser Welt zu begreifen oder als ihr Gegenüber. Die (ideologische) Spaltung des Weltbildes in die Kultursphäre „Gesellschaft“ und das Ökosystem „Natur“ führt zur janusköpfigen Differenzierung des Begriffs ‚Ware’ in ein sowohl sozio-kulturelles wie auch biologisch-ökologisches Phänomen. Die Ware als rein sozio-kulturelles Phänomen zu betrachten vernachlässigt den biologischen Hintergrund, denn das „Erleben“ setzt das „Leben“ voraus. Das Soziale ist am Leben rückgekoppelt. Der Mensch ist wie jeder andere Organismus ein Teil der Biosphäre.

Der Mensch muss wirtschaften, um weiter zu leben: das gehört zum teleologischen Interesse an der Ware. Jedoch wurde eine wissenschaftstheoretische Abgrenzung von der Technologie versäumt Die Folgen waren: die teleologische Warenlehre kam lange Zeit über formale Diskussionen nicht hinaus, die technologische Warenkunde hat sich in einer offensichtlichen Fehlentwicklung der warenkundlichen Lehre und Forschung ausgewirkt (vgl.: G. Grundke: Grundriß der allgemeinen Warenkunde. 6. Aufl. Leipzig 1987, S. 21 f.).

Seit E. Grünsteidl (Wien) wird die gesamtwirtschaftliche Betrachtung der Ware als ‚Warenwirtschaftslehre’ bezeichnet. Dieser Ansatz befasst sich mit der Ware in Relation von Wirtschaft und Technik, nicht aber mit deren Relation zum Leben selbst.

Sein Nachfolger J. Hölzl erweiterte den Betrachtungshorizont durch Einbeziehung ökologischer Perspektiven, dem Lehramt an kaufmännischen Schulen gab er die Bezeichnung ‚Biologie und Warenlehre’. Aufgrund dieser in nachhaltiger Absicht lebensdienlichen Auffassung sind Warenlehre und Warenwirtschaftslehre keine Synonyme.

4.  Eigenständigkeit des Fachs
Die ‚Waren’ befinden sich an den Schnittstellen zwischen den Systemen ‚Kultur’ und ‚Natur’. Dieser paradigmatische Ansatz zur Ökonomie trennt im Gegensatz zum Mainstream der Mikro- und Makro-Ökonomie die Gesellschaft von deren physischen Umwelt nicht. Dieses Paradigma eignet sich im Hinblick auf die sozioökonomische Nachhaltigkeit und sozioökologische Lebensfähigkeit als warenwissenschaftlicher Beitrag zur Globalökonomie.

Das sozio-ökologische Paradigma zur realökonomischen Einbettung der Gesellschaft in die physischen Randbedingungen der Biosphäre wird seit Nicholas Georgescu-Roegen’s Hauptwerk ‚The Entropy Law and The Economic Process’ (1971) als ‚Bioökonomik’ bezeichnet. – Damit wird in Überwindung der ‚Naturvergessenheit ökonomischer Theorien’ (E.K. Seifert, G. Altner) mit neuem systemtheoretischen Begriffs-Inventar eine Rückbesinnung auf die Organologik verfolgt, wie sie noch der Vater der Warenkunde und Technologie Johann Beckmann in physiokratischer Auffassung von Ökonomie dachte – zusammen mit dem an der Morphologie interessierten J.W. Goethe war er Mitglied der Botanischen Gesellschaft in Göttingen.

Die bioökonomisch orientierte Warenlehre gehört über Mikro- und Makroökonomie hinaus einer dritten (real)ökonomischen Sichtweise an, welche die realhistorische Dynamik zwischen Gesellschaft und Natur als evolutionäres Geschehen auffasst.

Ähnlich wie die Formenfülle in Botanik und Zoologie zu Abstraktions-Leistungen in einer allgemeinen Biologie hin führte, verhält es sich mit der strukturell-deskriptiven Warenkunde hin zur funktionsorientierten Warenlehre im Kontext der Sozioökonomie und im nachhaltigkeitsorientierten Kontext zur Bioökonomik. Global denken und vor Ort handeln, die Teile und das Ganze machen den Generalismus dieses systempolitisch grundlegenden Faches aus.

Die wissenschaftliche Befassung mit der Ware erfordert einen Begriffs-Apparat der mehreren Paradigmen gerecht wird. Terminologische Transdisziplinarität leistet die Allgemeine Systemtheorie.

Zum 50-Jahr-Jubiläum der Österr. Ges. f. Warenwissenschaften und Technologie (ÖGWT) reflektierte das Symposium ‚Evolution-Ware-Ökonomie’ den biokulturellen Zusammenhang des Wirtschaftens mit der Evolution.

Die Intention ist nicht Aufhebung bisheriger Ansätze, sondern deren Weiterungen im Lichte einer Globalökonomie, die zunehmend unter den Befolgungsdruck der Systembedingungen der Biosphäre gerät.

Literaturhinweis:
Der Band ‚Evolution-Ware-Ökonomie. Bioökonomische Grundlagen zur Warenlehre’ ist kürzlich im Münchner oekom-Verlag erschienen.


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