Diskurs „Warenwissenschaft“: Welche Diskursebenen und zu welchem Zweck?

Renate Hübner
Diskurs „Warenwissenschaft“: Welche Diskursebenen und zu welchem Zweck?

1. Diskursebenen: Annäherungsmöglichkeiten
Die bisherigen Diskursbeiträge von Waginger und Kollmann veranschaulichen den Lebenszyklus eines komplexen wissenschaftlichen Faches am Beispiel der Warenlehre: Entstehungsgeschichte, Bedeutungshöhepunkt, Differenzierung verschiedener Ansätze, abnehmende Diskursbereitschaft nach innen und außen und schließlich Bedeutungsverlust. Dieser ist möglicherweise weniger in den inneren Konflikten begründet, sondern Ergebnis gesellschaftlicher, kultureller, technischer und wirtschaftlicher Entwicklungen, die dazu führten, dass konstituierende Elemente der Warenlehre in anderen Teildisziplinen aufgegangen sind. Das Kernelement „Produktqualität“, also Art und Zusammensetzung von Gütern bspw. ist verteilt in den Bereichen Design/Produktgestaltung, Innovations- und Technologiemanagement, Produktpolitik, Qualitätsprüfung, -sicherung und -management, Ernährungswissenschaften, Werkstoffkunde, Marketing usf. Ein weiteres Kernelement, der Warenhandel, umfasst Regeln für den (weltweiten) Handel mit Gütern und Dienstleistungen. Diese Regeln werden wiederum längst auf internationaler Ebene (bspw. EU, WTO, OECD, G7, G8, G20) ausgehandelt. Als dritten und jüngsten Kernbereich der WWL sehe ich den Beitrag zur Verbraucherbildung, wobei es vorwiegend um Informationen rund um Qualität, Zusammensetzung  und den Kauf von Waren geht. Auch dieser Bereich ist mehrfach institutionell verankert: Einerseits im Rahmen des Schulfaches Biologie und Warenkunde und andererseits im Bereich des Konsumentenschutzes und der Verbraucherpolitik.

Viele Rahmenbedingungen, nicht nur jene die zur Entwicklung und Differenzierung der Warenkunde geführt haben, änderten sich in einem Ausmaß, dass deren Existenznotwendigkeit, deren Zweck neu entdeckt oder neu erarbeitet werden muss. Daher ist es m.E. sinnvoll, vor einem Richtungsstreit zu überlegen, welchem Zweck künftig die Erhaltung und Weiterentwicklung  des Faches und damit die Fortführung des Diskurses dienen soll oder kann. Daher schlage ich vor, zunächst einen Diskurs über Sinn und Zweck der Fortführung einer – zwischenzeitlich etwas zerrissenen – Warenkunde zu führen.

Man kann sich diesem Diskurs über unterschiedliche Wege nähern. Z.B. darüber, welche Elemente nach der o.a. Aufsplitterung der Themen in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen noch übrigbleiben (Strategie der Resteverwertung). Oder man könnte überlegen, welches forscherische Interesse die Warenlehre antrieb, antreibt und antreiben könnte (Strategie der Neugier und möglicherweise  des „Elfenbeinturms“). Eine weitere Möglichkeit wäre, zu hinterfragen, ob die Warenkunde weiterhin Teil der Wirtschaftswissenschaften, genauer der BWL, sein soll/kann oder ob es nicht besser wäre, sich eine andere „Heimat“ zu suchen (Einbettung, „Herbergsuche“). Viertens könnte auch überlegt werden, welches gesellschaftliche Problem mit dem Wissen und den Methoden der Warenlehre bearbeitet werden könnte und wie diese zu einer Lösung desselben beitragen könnte (Problemorientierung).

2. Grundsätzliches: Rolle von Wissenschaft und Arten von Wissen
Eine Annäherung über diesen vierten Weg würde erfordern, dass auch neue Entwicklungen im wissenschaftstheoretischen Diskurs einzubeziehen wären: Will die Warenlehre dem (eher) traditionellen Bild einer Wissenschaft zur wissenschaftlich abgesicherten Wissensproduktion (mode 1 Wissenschaft) entsprechen oder sich an einem neuen Konzept der Wissensproduktion orientieren, das nicht nur sichereres, sondern auch gesellschaftlich robusteres, Wissen ermöglichen soll. Diese von ihren  Begründern als „mode 2“ bezeichnete Wissenschaft[1] bezieht das Wissen auch nicht- wissenschaftlicher Akteure für die Produktion von Wissen mit ein, ist stark kontextualisiert und stellt sich gesellschaftlicher Verantwortung, generiert und reflektiert also Wissen mit Wissenschaftlern und VertreterInnen der gesellschaftlichen Praxis.

Rund um die Rolle von Wissenschaft gehört auch die Frage, welches gesellschaftliche Problem von wem wie gesehen wird. Für die Warenlehre könnte wäre ein derartiger Diskurs eine interessante Herausforderung in Bezug auf ihre Neuorientierung, wie ich meine. Haben wir die Güter die wir wollen und brauchen? Wissen wir ausreichend über Güter, ihre Funktionen, ihre Zusammensetzung, ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt Bescheid um als Konsument souveräne und verantwortungsbewusste Beschaffungs- und Nutzungsentscheidungen zu treffen? Welches Wissen rund um Güter, Güterversorgungsformen und Dienstleistungen sowie um Güterwerte (z.B. Nutzwert, Tauschwert) ist erforderlich um vor allem als Konsument, aber auch als Unternehmer oder Politiker souveräne Entscheidungen zu treffen und nicht kulturell geschaffenen Sachzwängen zu unterliegen?

Ein derartiger Diskurs über die Rolle der Warenwissenschaft in der Gesellschaft wird auch zu der Frage führen, welches Wissen erforderlich ist um diese Rolle auszufüllen. Dazu braucht es gesellschaftliches und wissenschaftliches Wissen, ähnlich wie für die Bearbeitung identifizierter gesellschaftlicher Probleme, die sich durch Güter und den Umgang mit ihnen ergeben. Auch hier lässt sich an aktuellen wissenschaftstheoretischen Diskursen rund um verschiedene Wissensarten anknüpfen. Fragestellungen betreffen den gegenwärtigen Ist-Zustand (Systemwissen), den Soll-Zustand (Zielwissen) und Fragen darüber, wie vom Ist-Zustand zum Soll-Zustand der Forschung zu gelangen ist (Transformationswissen) [2], auch Prozess- bzw. Gestaltwissen (siehe dazu Interventionswissenschaften).

Zusammenfassend müsste ein Zweck-Diskurs einerseits zu einer gemeinsamen Einschätzung relevanter Rahmenbedingungen und andererseits zu einem gemeinsamen Verständnis der Rolle von Wissenschaft führen.

3. Was zuerst: Zweck-Diskurs oder Paradigmendiskurs (Henne oder Ei-Problem)
Die bisherige Stammdisziplin der Warenwirtschaftslehre ist die Wirtschaftswissenschaft, genauer: früher die Handelswissenschaft, heute: primär die BWL (die VWL am ehesten, wenn verbraucherpolitische Fragen bearbeitet werden). Die Wirtschaftswissenschaften, übrigens (größter) Bereich der Sozialwissenschaften, vor allem die BWL, haben sich jedoch zunehmend – korrespondierend mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen – ausdifferenziert und von der Realwirtschaft rund um (klar definierte) Waren bzw. Güter gelöst. Grundlegend, nicht diskutierte („verschwiegene“) Paradigmen der BWL sind Gewinnstreben und Wachstum. Das zugrundeliegende Menschenbild (der homo oeconomicus, der zwar rational handelt, sich aber gern verführen lässt und dauernd mehr haben will) prägt die Ansätze zur Erforschung und „Optimierung“ unternehmerseitigen und konsumentenseitigen Handelns. Auch über das Menschenbild in der Ökonomie wird geschwiegen[3], wie übrigens auch in vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Zweck wirtschaftswissenschaftlicher Teildisziplinen ist nicht primär Verhalten zu erklären, sondern beizutragen, wie biologische, psychologische, soziologische und andere Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens im Sinn der Wirtschaft genutzt werden können. Dies würde die zunehmende Vielfalt von Produkten und ihren Funktionen ebenso erklären, wie das Verhalten der Konsumenten, „Kaufen“ als immerwährende und globalisierbare (Freizeit-)Beschäftigung zu betreiben.

Technisch orientierte Ansätze zielen eher darauf ab, welche Produkte und Funktionen technisch überhaupt möglich wären/sind. Im Vordergrund steht das Anliegen, technisch Machbares auch zu machen. Moralische oder ethische Aspekte spielen eine eher untergeordnete Rolle, Konsumenten werden vor allem als von unendlicher Neugier geleitete Wesen gesehen – und diese gilt es zu befriedigen. In diesem Verständnis verbleiben technische Ansätze der Warenlehre im wirtschaftswissenschaftlichen Paradigma und sind letztlich eng mit dem Technologie- und Innovationsmanagement verknüpft.

Naturwissenschaftlich orientierte Ansätze der Warenlehre überschreiten das wirtschaftswissenschaftliche Paradigma. Im Vordergrund steht einerseits das Bemühen, (auf Basis von verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen) die Entstehung von Waren und den Umgang mit ihnen zu erklären. Andererseits wird ein anderes normatives Konzept eingeführt: Die Wirtschaft solle sich an der Natur ausrichten, dies in zweierlei Hinsicht, nämlich als Funktionsmodell (wie wirtschaftet die Natur?) und als begrenzender Rahmen (Grenzen der Trag- und Regenerationsfähigkeit der Natur).

Auch der sozialwissenschaftliche Ansatz der Warenlehre verlässt die wirtschaftswissenschaftliche Ausrichtung. Anstelle des naturwissenschaftlichen Verhaltensbegriffs steht der Begriff des Handelns im  Vordergrund. Menschliches Handeln wird auf Basis der Transzendenzfähigkeit des Menschen erklärt. Kultur und Gesellschaft basieren auf Natur, werden aber – ebenso wie diese – nach gesellschaftlichen Zielen bearbeitet und verändert. Menschliches und schon gar organisationales und politisches Handeln sind nicht allein durch biologische verhaltenswissenschaftliche Ansätze erklärbar.

4. Fragen anstelle von Schlussfolgerungen
Anstelle von Schlussfolgerungen schlage ich vor eine Reihe wichtiger Fragen zu formulieren, die zu beantworten der Diskurs helfen könnte. Hier einige aus meiner Sicht relevante Fragen, die sich aus dem bisher Geschriebenen ergeben, bspw.:

  1. Welches gesellschaftliche Problem wird von den am Diskurs beteiligten bzw. zum Diskurs eingeladenen Akteuren gesehen, zu dessen Lösung die Warenwissenschaft einen Beitrag leisten kann, soll und will?
  2. Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Warenwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften beschreiben? Will die Warenlehre eine ökonomische Teildisziplin sein, werden bzw. bleiben?
  3. Soll die Ware und deren (technisch-ästhetische) Gestaltbarkeit und Vielfalt im Fokus stehen, dann müssten Anknüpfungsmöglichkeiten mit der BWL, und dort möglicherweise am ehesten mit den Teildisziplinen Design, Technologie- und Innovationsmanagement sowie Marketing gefunden werden. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie die Warenlehre diese befruchten könnte bzw. umgekehrt, wie diese die Warenlehre ergänzen könnten.
  4. Soll der Konsument, das Kauf- und Nutzungsverhalten im Vordergrund stehen? Und wenn, dann zu welchem Zweck?  Soll die Warenlehre beitragen, den Verbraucher/Bürger zu einem souveränen Konsumenten zu bilden, dann wäre es wichtig zu überlegen, welche Kompetenzen dafür erforderlich sind und welches Warenwissen es dazu braucht.
  5. Welche Folgen hätte diese Neuorientierung in Hinblick auf die Institutionalisierung des Fachs, also dessen strukturelle Verankerung  (Universitäten, Fachhochschulen, als allgemeines Unterrichtsfach) und die Anbindung an die internationale Scientific Community?

Ergebnis des Diskurses müsste ein gemeinsames Verständnis der (Waren)Wissenschaften und deren Rolle für die gesellschaftliche Entwicklung sein. Wird man eine Hilfswissenschaft für die Wirtschaft sein oder eine Veränderungswissenschaft, also ein multidisziplinäres Fach sein, das im Dienst einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung steht.

Und noch etwas: Derzeit ist es für Außenstehende nicht leicht, sich zwischen Warenlehre – Warenwirtschaftslehre – Warenwissenschaften – Verbraucherinformation – Verbrauchererziehung/-bildung ein Bild des damit gemeinten Faches zu machen. Daher sollte auch ein – aus Sicht der Wissenschaft möglicherweise unbedeutendes, aber gruppendynamisch relevantes – Ergebnis entstehen: ein gemeinsamer Begriff, der sowohl für gesellschaftliche Akteure (bspw. KonsumentInnen, PolitikerInnen, NGO-VertreterInnen, andere WissenschaftlerInnen, UnternehmerInnen) als auch für die RepräsentantInnen des Fachs selbst dessen Ausrichtung möglichst einfach veranschaulicht. Ob Ware – als Begriff einer rein wirtschaftlichen, handelsorientierten Ausrichtung – dann noch im Namen enthalten sein wird, sollte erst dann entschieden werden, wenn nach dem inneren Diskurs für die Öffnung nach außen auch die Vielzahl anderer Güterbegriffe und der jeweils dahinterstehenden Konzepte analysiert und diskutiert wurde[4].

Klagenfurt, 23.5.2012


[1] Michael Gibbons, Camille Limoges, Helga Nowotny, Simon Schwartzman, Peter Scott, Martin Trow: The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. London: SAGE, 1994 und auch später: Helga Nowotny u. a.: Mode 2 revisited: The New Production of Knowledge. In: Minerva. 41, 2003, S. 179–194.

[2] Pohl, Hirsch-Hadorn 2006, siehe dazu aber auch u.a. Jürgen Mittelstrass, der z.B. anstelle von System- und Zielwissen zwischen Verfügungs- und  Orientierungswissen unterscheidet.

[3] Andrea Grisold, Luise Gubitzer, Reinhard Pirker: Das Menschenbild in der Ökonomie. Eine verschwiegene Voraussetzung, Löcker Verlag, Wien 2007

[4] Renate Hübner: Statt Gütertheorien: Güterkonzepte und Güterkategorien, August 2011, Arbeits- und Diskussionspapier, unveröffentlicht


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