Warum Wirtschaft oder Gesellschaft nicht viel mit Naturwissenschaft – aber dennoch mit Natur – zu tun haben

Karl Kollmann:
Warum Wirtschaft oder Gesellschaft nicht viel mit Naturwissenschaft – aber dennoch mit Natur – zu tun haben

Einige unsystematische aber grundsätzliche Gedanken

1.      Vorgeschichte
Biologen wie Bernhard Lötsch, oder Zoologen wie Rupert Riedel, wollen gerne Alles in der Welt nach den Denkmustern ihrer erlernten Profession erklären. Sie haben dazu auch eine Universaltheorie entwickelt, die „Evolutionäre Erkenntnistheorie“.[1] Wirkungsgeschichtlich zugute gekommen ist ihnen dabei ihr Engagement für den Umweltschutz. Dieses hat ihrem Denken implizit unterstellt, dabei würde das Ganze gesehen werden.

Dieser Totalitätsanspruch der Darwin-Anhänger ist ideologisch natürlich obsolet, jedoch als Faszinosum ist er in der Ökologiediskussion und beispielsweise auch in der Warenwirtschaftslehre-Positionierung[2], bis heute lebendig. Auch genuin menschliche Hervorbringungen wie Kultur oder Wirtschaft, werden dabei biologisch-evolutionär und deterministisch naturwissenschaftlich (miß)verstanden.

2.      Die Sachverhalte
Die Natur, also all das, was unseren Planeten ausmacht, wenn man sich den Menschen wegdenkt, existiert nach ihren eigenen Gesetzen. Und diese Natur setzt dem Menschen Grenzen: Krankheiten, den Tod – Lebewesen haben ein endliches, ein begrenztes Leben. Als vernunftbegabtes Wesen hat der Mensch, seit er in dieser Natur ist, diese auch genutzt. Und ausgenutzt. Bis an die Grenzen des Erträglichen nutzen Menschen die Natur und ihre ganz eigene Sphäre, die Kultur.

Ja. Aber diese kulturelle Sphäre ist menschengemacht. Ob Menschen polygam oder monogam leben, in einer Geschenkkultur oder in einem alles kaputtmachenden Wettbewerb sich verausgaben, sich verzehren, das ist nicht biologisch vorprogrammiert, sondern Kultur. Also Menschenwerk, also menschlich durchgesetzte, gesellschaftlich gültige Handlungsmuster. Wer hier danebenliegt, der wird exekutiert; politisch kennen wir das von den autoritären Systemen, – aber die neoliberale kapitalistische Marktwirtschaft, und die Staaten, die dieses System fördern (und das sind in Mitteleuropa praktisch alle), sind auch totalitär. Menschenfeinde, könnte man sagen…

Ob man sich nun einen BMW kauft oder gar kein Auto mehr besitzt, das sind kulturelle Handlungsmuster, für die sich – mit großen milieuspezifischen Spielräumen – Menschen entscheiden (können). Zinsverbote oder westliches Banking, also Geld-als-Geldmaschine-nutzen, sind es ebenso. Friedliche oder unfreundliche, sozusagen feindliche Gesellschaften sind nicht biologisch determiniert, sondern kulturelle Produkte. Biologisch oder verhaltenswissenschaftlich erklären läßt sich das nicht ohne Rekurs auf Kultur, also Gesellschaft. Also Sinn – und solche Sinngebung kommt nicht vom Studium der Wölfe, Affen oder sonstigem Getier.

Menschen entwickeln Technik (und stoßen dabei auf Naturgesetze), manipulative Aktivitäten (und stoßen dabei auf psychische und soziale Gegebenheiten), schaffen Sinn (ganz individuell oder kollektiv vermittelbar). Der Wunsch nach Anerkennung und oder die Gier nach Macht und die sozialen Instrumente dazu sind soziale Entitäten. Ebenso alles Wirtschaften. Der Zins – also Geld als Produktionsmaschine einzusetzen – ist biologisch schlichtweg nicht zu erklären. Nein, dazu muß man tief in die Geschichte der Menschen eintauchen und viel an Sinnproduktion lesen oder gelesen haben, um damit einigermaßen zu Recht zu kommen.[3]

Evolutionsbiologen haben hier einen Nachholbedarf an Lektüre – sie müssen einfach einmal auch anderes lesen, als nur ihre eigenen biologischen Krimis. Hier eine persönliche Beobachtung: evolutionstheoretisch begeisterte Menschen lesen nichts anderes mehr, sie errichten wie Neurotiker einen Schutzwall gegenüber infiltrierenden Schriften, Meinungen, Beobachtungen. Die Neurotik wird zur Esoterik und damit bricht die gemeinsame Sprache, die Kommunikationsfähigkeit schließlich vollständig ab – das kennt man ja aus der Psychotherapie ließe sich hier bequem und letztlich falsch sagen…[4]

Nimmt man krude biologistische Erklärmuster, spart man sich die Auseinandersetzung mit Kultur, insofern ist das eine mitunter ökonomischere, preiswertere Form von Weltdeutung. Aber sie bleibt falsch. Denn man muß auch im entwickelten Sinnhorizont modernerer Menschen erklären können, warum manche Individuen Gewalttäter sind und manche Menschen eben nicht, warum manche Individuen ihre artifiziellen Systeme für ihren persönlichen Nutzen nützen und andere nicht. Man muß die Konstruktion dieser Systeme erläutern können, und zwar jenseits der hübschen Metaphern von Wolfsrudeln und Eichhörnchen.

Wir reden hier von Wissenschaftstheorie (hier: in essayistischer Form), wir gehen hier – trotz der essayistischen Form – an die Grundlagen von Philosophie, an die Frage: was kann denn ein Mensch wissen? Wir reden hier nicht über nette menschenvergiftende ‚Viecherl‘ im Dschungel, vielleicht schon eher über Erdbeben, die plötzlich hunderte und tausende Menschen in den plötzlichen Tod befördern und die nette Natur weniger freundlich aussehen lassen.

3.      Politik. Bürger.
Menschliche Aktivitäten sind stets auch politisch zu verstehen und menschlich-kulturelle Phänomene sind in einen Kontext eingebunden, der jenseits von Natur ist. Flat-Tax oder progressives Einkommenssteuersystem – das sind menschliche Konstrukte und Strukturen. Die Aufklärung, also jener Systembruch im Denken der Menschen, der die Gewißheit geschaffen hat, daß Menschen als Bürger ihre Lebenswelt gestalten können oder darauf verzichten, wenn sie zu bequem dafür sind, läßt sich nicht weg-biologisieren.

Menschen können handeln, also ihre Aktivitäten sinnorientiert steuern und sie sind dabei liebenswürdig, oder auch Grauen erzeugend unterwegs, wenn man hier nur an den Faschismus oder Stalinismus denkt. Ob sich Gesellschaften friedlich oder destruktiv entwickeln, mag zwar auch materielle (und damit etwa geographische) Ursachen haben, einen naturunterlegten Sinn hat es nicht. Denn die Natur hat keinen Sinn, allenfalls läßt sich ein Sinn in sie hineininterpretieren, – wenn man das religiös sehen will.

Die Evolution kennt kein Kantsches „moralisches Gesetz in mir“. Menschen kennen das schon, handeln oft danach, und solche, die das vergessen, zwingt die Mehrheit dieser Menschen strafrechtlich in den meisten Fällen präventiv dazu.[5] Allein schon Moral oder Generalprävention sind jenseits aller Biologie. Die Kant’sche Maxime ist überhaupt das Kulturgut per se, das sich – in der Lebenspraxis – allerdings nicht durchgesetzt hat.[6] Die Differenz von moralischen Leitbildern und Alltagswirklichkeit ist geschichtsbegleitend, aber ebenso ein Archetypus für Kultur jenseits von Biologie.

4.      Eine Amerikanisierung ?
In Nordamerika, das ja in manchen Fällen wie ein unterentwickelter Erdteil wirkt und seine destruktive Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet hat, dominiert eine gestrige Diskussion zwischen Kreationisten und Evolutionisten die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung, die in den letzten Jahren a la Hollywood-Filme schleichend nach Europa eingeschleppt wurde.[7] Europa ist der Kontinent der Aufklärung, sie fand hier statt und äußerte sich auch blutig in den Revolutionen von 1525, 1789 und 1848.

Selbstbestimmung, Individualität, persönliche Freiheit, das sind die Werte, um die es in diesen Auseinandersetzungen ging. Man könnte das Konstruktivismus nennen, aber Bürgertum ist ein edleres Wort dafür. Und genau das ist der Mehrwert gegenüber unserer biologischen Grundlage. Klar doch: Menschen sind Tiere, aber eben auch ein Stück mehr: Bürger, die die Fähigkeit haben, ihre Welt nach ihren Vorstellungen zu bauen.

Realistisch muß man das im Konjunktiv sagen: – die die Fähigkeiten hätten, wenn sie sie nutzen würden. Und wir sind schon längst meilenweit von der Biologie und von evolutionsgeprägten Pseudoexperten entfernt.


[1] Einer der Kristallisationspunkte dabei: Konrad Lorenz: Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. München 1973.

[2] Karl Kollmann: Welche Richtung der WWL (Warenwirtschaftslehre) hat noch Chancen? (26. 4. 2012) https://warenlehre.wordpress.com/2012/04/26/welche-richtung-der-wwl-hat-noch-chancen/

[3] Vgl. David Graeber: Schulden. Stuttgart 2012.

[4] Das hier ist kein Diskussions-Abbruch-Versuch, sondern das Gegenteil.

[5] Soviel zu Kant, der oft und gern von Evolutionstheoretikern (fälschlich) vereinnahmt wird.
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten;“ Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Beschluß.

[6] Das moralische Gesetz ist dabei eine ganz einfache, aber fundamentale Erkenntnis: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ a. a. O. Teil 1, Paragraph 7.

Kants soziale Rationalität hat sich zwar papiermäßig, jedoch nie realiter durchgesetzt, sondern Jeremy Benthams egozentrische und utilitaristische Zweckrationalität, die zum universalen Leitbild der Ökonomie und des Alltagslebens wurde. (Jeremy Bentham: Eine Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung, 1789).

[7] Florian Rötzer: 78 Prozent der US-Amerikaner sind Kreationisten, in: telepolis, 19. 12. 2010,  http://www.heise.de/tp/blogs/6/148958 .


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3 Gedanken zu „Warum Wirtschaft oder Gesellschaft nicht viel mit Naturwissenschaft – aber dennoch mit Natur – zu tun haben

  1. Vielen Dank für diesen sehr anregenden Beitrag.
    Kurz möchte ich ergänzen:
    das Menschenbild der Ökonomen, (surviving of the fittest ; der rational handelnde Mensch; ) ist ja derzeit ein biologistisches. Wenn man etwas ändern will, muss man dieses parallele Verständnis brechen (die Ökonomie widmet sich ja zunehmend der „Neureconomics“ und „Behavioral Economics“ was eine Fortsetzung dieser Symbiose befürchten lässt)
    Zum vorletzten Absatz (falls ich ihn richtig verstanden habe):
    Selbstbestimmung, Individualität, persönliche Freiheit sind unbestrittene Errungenschaften unserer Kultur, aber zu deren Beschreibung reichen sie noch lange nicht, ja wären auch sie zu einseitig. Führen sie doch zu grenzenlosem Egoismus und überleben des Stärksten, also wieder zum beanstandenden Biologismus.
    Kulturelle Leistungen, die weit darüber hinausgehen sind aber Altruismus, Empathie, Einsicht, Kreativität und Spontanität, Kooperation und eine Form der Religiosität (nicht zu verwechseln mit Religion) im Sinne einer Achtung anderer und der Natur, Sinn für das Ganze und das Gemeinwohl. Hier wäre eher eine Anlehnung an traditionelle asiatische Weltbilder zu suchen, freilich ohne gänzlich unsere Werte der Aufklärung abzugeben.
    Auf die Waren bezogen könnte dies bedeuten, sie als Ressourcen der Natur, als Werke der Kultur (Kreativität, Technik, Kooperation) zu betrachten und entsprechend pfleglich damit umzugehen.
    Eine menschenwürdige Ökonomie der Zukunft ist wahrscheinlich nur existenzfähig, wenn sie mehr auf kooperatives Verhalten setzt. Vernetzung (Energie, Kultur, Warentausch) in einer globalisierten Welt wird nicht durch „Surviving of the fittest“ gelingen.

  2. Diesen vorliegenden Beitrag sehe ich als bewußt provokativ verfaßten Artikel, weshalb ich auf ein paar Dinge sogleich reagieren möchte und hoffe, daß sich noch viele Fachleute dieser Diskussion anschließen werden.

    Wirtschaft hat nicht viel mit Naturwissenschaft zu tun? Ist denn das Wirtschaften nicht Teil unseres Verhaltens? Und wird unser Verhalten nicht in der Wissenschaftsdisziplin „Verhaltenslehre“ untersucht? Ist die Verhaltenslehre nicht eine Naturwissenschaft?
    Wenn hier kritisiert wird, daß Naturwissenschaftler zu wenig wirtschaftswissenschaftliche Literatur studieren, sollte man sich einige Dinge vor Augen halten:
    1.) Viele Naturwissenschaftler haben eine kaufmännische Ausbildung genossen und stehen den Wirtschaftswissenschaften durchaus aufgeschlossen gegenüber. (und haben eine wirtschaftswissenschaftliche Bibliothek zu Hause)
    2.) Viele Wirtschaftswissenschaftler haben eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen und stehen den Naturwissenschaften durchaus aufgeschlossen gegenüber. (und haben eine naturwissenschaftliche Bibliothek zu Hause)
    3.) Viele Wissenschaftler beschäftigen sich mit anderen Disziplinen, und/oder nutzen das Wissen anderer Disziplinen durch Fachleute.
    4.) Die Wissenschaftsdisziplin Biologie hat nur wenig mit der „schönen“ Volksschul- und Unterstufenbiologie zu tun. Jenen Fachleuten, die noch immer eine solche Sicht haben, ist ein Besuch in der Fachbibliothek „Biologie“ der Uni Wien empfohlen.
    5.) Die Kruste unserer „Kultur“ ist äußerst dünn. Der Urknall ereignete sich vor etwa 13,7 Mrd. Jahren, unser Sonnensystem entstand vor etwa 4,6 Mrd. Jahren, die Vorfahren des Menschen gibt es seit 3 Mill. Jahren und unsere Kultur, wie wir sie heute kennen, ist nur wenige 1000 Jahre alt. (vgl.[1])
    JA! Wenn man unser wirtschaftliches Handeln begreifen und erklären will, muß man tief in die Geschichte des Menschen eintauchen, nämlich mehrere Mrd. Jahre! und nicht nur ein paar 1000 Jahre „tief“!
    Wirtschaftliche Phänomene lassen sich nur mit einem erweiterten wirtschaftlichen Ansatz erklären. So wie z.B. Prof. Vogel [2] die ökologische Kostenrechnung lehrte, die nicht nur die Kosten für Einkauf, Entwicklung und Vertrieb der Waren berücksichtigt, sondern auch die ökologischen Kosten einrechnet, beginnend mit der Abfallentsorgung in der Produktion, der Umweltverschmutzung durch Produktion und Gebrauch, etc. Um diesen Kostenrechnungsansatz umsetzen zu können ist ein grundlegendes Verständnis des Ökosystems Erde und der biologischen Vorgänge notwendig.
    Mit etwas mehr Verständnis (im Sinne von „Wissen“) für die Naturwissenschaften und im Speziellen für die Biologie, würden SchülerInnen, StudentInnen und wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger eher begreifen, was unter “Ökologischer Kreislaufführung” und “Ökologischer Kostenrechnung” zu verstehen ist und würden danach handeln.

    [1] Lötsch, B.: Vom Leben lernen – Ökologie als Langzeit-Ökonomie, in: Evolution – Ware – Ökonomie, hg. von: Kiridus-Göller, R. u. Seifert, E., oekom-Verlag, München 2012, S. 25 – 34
    [2] Vogel, G.: Stoff- und Materialbilanzierung, in: OH-Foliensatz, WIFI (Hg.), Wien 1993

  3. > sehe ich als bewußt provokativ verfaßten Artikel
    Nun, die vornehmste Aufgabe von Wissenschaft ist kritische Diskussion (der Wirklichkeit und der vothandenen Erklärungen dieser Wirklichkeit)…
    Ein zweiter Punkt vielleicht: aus Wissen folgt nicht (automatisch besseres) Handeln – das ist u. a. das Dilemma der letzten 40 Jahre Umweltschutz.

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