Eine Ergänzung

Eva Waginger:
Eine Ergänzung

Danke für diese ausführliche und fundierte Einleitung zur Diskussion der Warenwissenschaften. Ergänzend möchte ich eine Ursache beleuchten, die mir zum Abstieg der Disziplin wesentlich erscheint: Auch wenn es absurd klingt: der technische Fortschritt könnte einer Wissenschaft zum Verhängnis geworden sein, die sich traditionell damit befasst hat.

Gerade die rasante Entwicklung der Technik ist ein Faktum, das die klassische Disziplin  „Technologie und Warenwissenschaft“  auseinander triften ließ und sie zwischen Technik, Naturwissenschaft und Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aufgerieben hat. Der ursprüngliche Zweck der Technologie und Warenwissenschaften an Wirtschaftshochschulen war es, wie im Beitrag Kollmann auch dargelegt,  kurz gesagt,  Akteure des Wirtschaftslebens über Warenmerkmale – und Herstellung zu informieren.

An den meisten zentral- und osteuropäischen Wirtschaftshochschulen war daher diese Disziplin von Beginn an ein Grundelement kaufmännischen Ausbildung(2) Im Wesentlichen war sie unterteilt in eine allgemeine Wissenschaft von der Technologie und den Waren, sowie in spezielle Bereiche, meist organischer und anorganischer Waren (weitere Differenzierungen waren üblich: z.B. Textilien, organische und anorganische Rohstoffe, Lebensmittel, Verpackungen, etc).(1) Dies geschah vor der Jahrhundertwende(19/20Jh) bis in die 1930iger Jahre. Bis dahin war die Warenwelt stabil, man konnte sie leicht überblicken, da sie ja auf einer überschaubaren Anzahl von Rohstoffen beruhte. Das änderte sich mit den Errungenschaften der Petrochemie und später der elektronischen Industrie und dauert bis heute fort (Biotechnik, Gentechnik, Nanotechnik). Die neuen Techniken schaffen Materialien, die aus einer endlichen Warenwelt eine unendliche werden ließen. Es muss heute festgestellt werden, dass die Warenwelt zu komplex ist, um sie durch die seinerzeitigen Teil-Disziplinen der speziellen Warenlehre abzudecken. Dieser Teil ist de facto aus der Wissenschaft weggebrochen. Dennoch sollt man daraus nicht schließen, dass man sich mit einer Materie, nur weil sie zu komplex geworden ist, nicht mehr befassen müsste!

Gleichzeitig bot die Ökonomie einfache Modelle an: den Marktmechanismus, der alles von selbst regelt, das Geld als Tauschmittel,welches dank moderne Techniken immer mobiler und universeller als Maßstab wurde. Darüber hinaus schien es verlockender und lukrativer, Geschichten über und um Waren zu erzählen um sie in der Konsumgesellschaft anzupreisen, als sich mit den realen Gegebenheiten der Waren auseinander zu setzten. Damit wurde das Bewusstsein von der Ware als materielles Gut, welches Konsequenzen für Mensch und Umwelt hat, mehr oder minder in der ökonomischen Wissenschaft ausgelöscht. Noch dazu schien sich ja ein Hauptpardigma  der klassischen Ökonomie, die quasi unbegrenzte Substituierbarkeit von Materialien dank der technischen Fortschritte zu bestätigen, sodass ökonomisches Wachstum entgrenzt wurde . Die Begrenztheit der Materiellen Ressourcen – und sei es auch nur in Form von „Racheeffekten“ wurde kaum zur Kenntnis genommen. Man kann wohl heute aufgrund dieser Entwicklungen  die spezielle Warenwissenschaft und Technologie als Disziplin der Warenwissenschaft im Besonderen und der Wirtschaftswissenschaften im  allgemeinen, als  „verloren“ ansehen. Gleichzeig jedoch entstanden zahlreiche, neue,  allgemeine Erkenntnisse und Kenntnisse (die zum Teil im Beitrag von Prof. Kollmann als mögliche Themenfelder der Warenwissenschaften aufgelistet sind). Sie finden ihren Ausdruck in zahlreichen neuen Phänomenen, Regulierungen und Politikfeldern (3). Es gibt vermutlich  keine andere Wissenschaft als die „Warenwissenschaft“ , die  gewissermaßen die Rolle der realen, materiellen und „verklärten“ Ware im Rahmen der Ökonomie betrachtet. Hierfür bedürfte es einer Weiterentwicklung oder gar Neupositionierung  der  seinerzeitigen  „allgemeinen Technologie und  Warenwissenschaft“.

Ob die Zeit hierfür  in den Wirtschaftswissenschaften, die Menschen und Waren als substituierbares Kapital mit (monetären)  Verrechnungswerten betrachten, reif ist,  ist fraglich. Umweltmanagement, CSR, ethischer Konsum – diese Maßnahmen bauen bislang eher Potemkinsche Dörfer um die Güterwelten herum ohne gewissermaßen die materiellen Ausgangsgegebenheiten der Waren als Standard zu nehmen. Insofern liegt die Warenwissenschaft wohl nicht gerade im Trend der herkömmlichen Ökonomie, wohl aber im Sinne einer postmateriellen Aufklärungskultur, die vielleicht noch anbrechen wird, wenn die ökonomischen Möglichkeiten an ihre Grenzen gestoßen sein werden. Von diesem Standpunkt sollten sich alle Interessierten dafür einsetzten, „die Flamme“ nicht gänzlich zu ersticken – kein ehrgeiziges, aber vielleicht doch ein realistisches Ziel.

Literatur:

1) Hölzl, Josef:  Geschichte der Warenkunde in Österreich. Schriftenreihe Institut für Technologie und Warenwirtschaftslehre, WU, Wien,Bd5/ 1985

2) Waginger, Eva. 2010. Is there a need to teach knowledge on commodity science and technology at economic universities in a globalized world?.. In :Managerial Challenges or the Contemporary Society, Hrsg. Faculty of Economics and Business Administration, Babes-Bolyai University, 1-5. Cluj: Econ. (http://conference.ubbcluj.ro/mccs/RePEc/bbu/wpaper/219-223.pdf)

3) Waginger, Eva. 2008.  Evolution of Commodity Science in Central Europe with special consideration to the development in Austria and Germany and new European Perspectives.. In 60th Anniversary of the Commodity Science Department – Traditions and Perspectives,, Hrsg. University of Economics Varna,, Varna, Bulgarien: Eigenverlag, S. 58 – 67 (http://www.wu.ac.at/itnp/igwt/evolution_cs)


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3 Gedanken zu „Eine Ergänzung

  1. Im 4. Absatz hat die Rechtschreibprüfung einen Streich gespielt: es sollte heißen:
    ………..sodass ökonomisches Wachstum entgrenzt wurde …….

  2. Das Fach Warenkunde oder Warenlehre scheint aktueller zu sein, als viele glauben. Bei einer Suchanfrage bei Google ergeben sich folgende Zahlen:
    Warenkunde: 1.260.000 Einträge (!)
    Warenlehre: 9.620 Einträge
    Warenwirtschaftslehre: 5.520 Einträge
    Einzig: viele die den Begriff Warenkunde zur Beschreibung der Waren im Lebensmittelbereich (va Kochbücher und Haushaltsbücher) und im Textilbereich verwenden, dürften nicht wissen, daß es dazu ein wissenschaftliches Fach gibt.
    Hier sollten wir Aufklärungsarbeit leisten.

    • Liebe Frau Gruber,

      danke für die engagierten Hinweise!
      Ja - es gäbe Chancen, denke ich, die Warenlehre zu konsolidieren.
      Wichtig wären dabei sicherlich die Zielsetzungen. Das, was sich an Zukunftspunkten heraus kristallisieren könnte...

      Wenn es um eine nachhaltige Warenzirkularität geht, brauchen wir dann auch gesellschaftliche Ziele und vor allem Akteure für Nachhaltigkeit. Heute also in erster Linie Fragen stellen. Und, stellen wollen.

      Das alles sehe ich jedoch einstweilen nicht so freundlich bzw. positiv, - in meinem Beitrag: "Welche Akteure gäbe es für eine vernünftige Klimapolitik?" (Kurzfassung: Karl Kollmann: Arme, kranke Erde, in: Arbeit und Wirtschaft 4/2012, S 22-23.
      http://scripts.gewerkschaften-online.at/X03/aw_2012_04/ [ S. 22-23 ] ) habe ich bislang leider keine gefunden...

      Liebe Grüße,
      KK


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